Man hört oft, auf das Pensionssystem sei kein Verlass: aufgrund der demographischen Entwicklung, der Geldentwertung, und eines ausufernden Staates, sei nicht damit zu rechnen, dass die Pensionen/Renten ausgezahlt würden.
Im Falle des Schweizer Pensionssystems argumentiere ich jedoch, dass das System nicht einzustürzen droht, auch wenn die Leistungen für gewisse Gruppen geringer ausfallen werden.
Im nächsten (und letzten) Teil versuche ich ein "Kraftfeld" zu zeichnen, in dem wir die finanzielle Perspektive um politische und juristische Sichtweisen ergänzen. Dadurch wird klarer, in welche Richtung sich das Schweizer Pensionssystem bewegt - m.E. zur Verdampfung vom Überobligatorium und Verschmelzung von AHV und Obligatorium.
Bei einem "Bank-run" auf die Bank, ziehen die Anleger ihre Guthaben ab, wenn sie fürchten, dass die Bank zu wenig Substanz hat. Somit verschlechtert sich die Position der Bank weiter, was wiederum andere Anleger dazu anspornt, ihre Gelder abzuziehen.
Was wäre ein "Bank-run" aufs Pensionssystem? Dabei würde man versuchen, das Geld aus dem System herauszunehmen. Wie wäre es möglich? Folgendes ist u.a. vorstellbar:
Dass man das Kapital aus dem Pensionssystem rausnehmen kann, macht es eigentlich attraktiv: ein zusätzlicher Anreiz ins System einzuzahlen. Bei einem Run, wenn viele das gleichzeitig tun, wird dies jedoch zum Problem. Wie kann der Staat dagegen steuern? Mit der Steuer (Wortspiel beabsichtigt), sie wird schon heute erhoben, je nach Kanton unterschiedlich, generell aber viel tiefer als die Einkommensteuer. Es würde dann reichen, die Abzugssteuer der Einkommenssteuer gleich zu setzen, und die Sätze kantonal auszugleichen, um den "Leak" zu versiegeln.
Außerdem kann man die Regeln verschärfen:
Der Staat verfügt also bereits heute über genügend Mittel, um einen solchen Run zu verhindern.
Es muss jedoch nicht zu einem Run kommen, um das System ins Wanken zu bringen. Das System kann seine Substanz auch über die längere Zeit schleichend "leaken", sodass es irgendwann am Abgrund steht.
Leakt das System lang genug, wird auch ein Run wahrscheinlicher.
Was ist eigentlich ein "Leak"? Eigentlich ist es ein Bestandteil des Systems, dass das Geld irgendwann zurückgezahlt wird. Von einem "Leak" kann man nur dann sprechen, wenn strukturell mehr aus- als eingezahlt wird.
Das ist nicht einfach eindeutig festzulegen, es hängt auch von den Annahmen ab. Was jedoch generell zu einem Leak führt:
Der aktuelle Mindest-Umwandlungssatz vov 6.8% ist zu der Zeit beschlossen (*) worden (2003-2005), als die Lebenserwartung um etwa 3 Jahre niedriger war als heute. Der ursprüngliche Umwandlungssatz im Jahr 1985 lag bei 7.2%, bei einer Lebenserwartung, die um 4-5 Jahre kürzer war als im Jahr 2003. Im Jahr 2024 hat es das Volk an der Urne abgelehnt, den Satz auf 6% zu senken.
Die relevanten Größen über die letzten 40 Jahre als Tabelle:
| Jahr | Lebenserwartung (M/F) | Restlebenserwartung (M/F) | Rentenalter (M/F) | Umwandlungssatz | Zins |
|---|---|---|---|---|---|
| 1985 | 76.9 (73.5/80.2) | 16.5 (14.5/18.5) | 65 / 62 | 7.2% | 4% |
| 2005 | 81.3 (78.7/83.9) | 20 (18.1/21.8) | 65 / 65 | 7.1% | 1% |
| 2025 | 84.5 (82.7/86) | 22.1 (20.6/23.5) | 65 / 64.5 | 6.8% | 0% |
(*) der Beschluss von 2003 war den Satz kontinuierlich von 7.2% auf 6.8% über 20 Jahre (2005-2025) zu senken.
Systemtechnisch hat man den Umwandlungssatz bereits im Jahr 2003 zu wenig reduziert. Technisch "zu wenig" heißt aber nicht "zu wenig" aus sozialpolitischer Sicht: dort kann es gerade "zu viel" heissen.
Systemtechnisch hat man den Umwandlungssatz schon im Jahr 2003 zu wenig reduziert (technisch falsch, heißt aber nicht, dass es "fair" oder "sozial" falsch war). Dass die Verzinsung in den letzten Jahren nah am Null ist, verschärft zusätzlich das Problem (man kann das System mit extra Ertrag nicht stabilisieren).
Man sieht ein, dass der politische Widerstand zu gross ist, die Lage zu entschärfen, wie bleibt denn das System stabil? Indem aus der Säule 2b ("Überobligatorium") weniger ausbezahlt wird. Theoretisch kann man den Mindest-Umwandlungssatz fürs Überobligatorium auf 1% setzen (wenn nicht auf 0% ...).
D.h. es wird quasi zwischen Halbsäulen 2a und 2b umverteilt.
Zwar lässt sich der Widerspruch auch innerhalb des aktuellen Frameworks lösen, langfristig kann er jedoch trotzdem zum Problem werden. Hier noch einige zusätzliche Ein- und Auszahlungen, die im System vorgesehen sind:
Langfristig verzichten immer mehr Arbeitnehmer auf die freiwilligen Einkäufe (oder halten sie kleiner als früher), zahlen nur den Mindestanteil in die Säule 2 ein, und reduzieren ihr Arbeitspensum (von 100% auf 80% ist dies relativ leicht). Also verliert aktuell die "Halbsäule 2b" an Attraktivität.
Man darf zugleich den Rest von Europa nicht aus dem Blick verlieren. Auch wenn das Schweizer Pensionssystem gewisse Probleme aufweist, sind diese im übrigen Westeuropa noch gravierender. Die relativ bessere Position stärkt die Gesamtattraktivität des Schweizer Systems.
Was sind die möglichen Optionen, um das Problem zu entschärfen? Das Rentenalter zu erhöhen, und den Mindestumwandlungssatz zu senken stösst auf einen politischen Widerstand, der in der aktuellen politischen Landschaft kaum zu überwinden ist. Gleichzeitig kommen immer wieder die Vorschläge hinzu, die das System weiter aus dem Gleichgewicht bringen: für Paare, für Frauen usw. Es mag fair und wünschenswert sein, systemtechnisch gilt es aber auszugleichen: durch Steuern/Abgaben, Geldentwertung, Umverteilung usw. Dabei wäre ein rein technischer Blick absolut falsch, sonst käme man auf die Idee, die Lebenserwartung zu verkürzen, was rein technisch das System wieder ins Gleichgewicht rückt.
Der leichteste Ausweg ist natürlich qualitatives Wachstum (d.h. über die Produktivitätssteigerung).
Es kommen zugleich jedoch neue Herausforderungen hinzu. Das Pensionssystem war auf lebenslange Einstellung ausgerichtet, und ging von einer anderen Familienstruktur und einer anderen Rolle der Frau aus. Aufgrund vieler Faktoren ist es heute schwieriger, mit Ü50 eine Arbeit zu finden, wobei das aktuelle Arbeitsrecht zusätzlich die Attraktivität dieser Alterskategorie schmälert: man muss viel höhere Abgaben zahlen als für die jüngeren Arbeitnehmer, und der Kündigungsschutz ist stärker. Das ist sozial und fair, und hatte in einer Welt lebenslanger Einstellung gut funktioniert, heute nicht mehr.
Die technologischen und geopolitischen Herausforderungen vervollständigen das Gesamtbild. Wenn die KI immer mehr Arbeit übernimmt, die Pensionsbeiträge aber weiterhin dem Arbeitseinkommen entstammen, wer soll die künftigen Pensionen zahlen? Mit jetzigem System und Fortsetzung der Trends landen dann z.B. 80% der Rentner in der Säule 1, die dann quer finanziert wird (z.B. aus der Mehrwertsteuer, wie die neu beschlossene 13. AHV).
Die Schweizer Pension ist sicher, allerdings in geringerem Umfang, und vor allem für kleinere Einkommen. Im Umkehrschluss gerät das Überobligatorium zunehmend unter Druck.
Grob vereinfacht und überspitzt formuliert: Das Obligatorium ist sicher, das Überobligatorium nicht.